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Von der Schaltzentrale der Verteidigung bis zur verlassenen Stadt – Die Geschichte des JHQ

Am 12. Juli 2013 ging in Mönchengladbach eine Ära zu Ende. Die bis dahin im Joint Headquarter (JHQ) stationierten britischen Streitkräfte verließen nach 60 Jahren ihren Stützpunkt im Stadtteil Rheindahlen. Die Stadt Mönchengladbach wurde während dieser Jahrzehnte stark vom JHQ geprägt. Zeitweise sprach man von ihm sogar als der Schaltzentrale für die gesamte Verteidigung West- und Nordeuropas. Mit der Verschiebung der militärischen Weltlage änderte sich aber auch die Bedeutung des britischen Hauptquartiers in Mönchengladbach.

Ein gemeinsames Hauptquartier westlich des Rheins

In Westdeutschland gab es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zwei Hauptquartiere der britischen Streitkräfte. Eines davon befand sich in Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen und beherbergte die 21. Army Group. Das zweite Hauptquartier wurde im niedersächsischen Bad Eilsen errichtet. Hier ließen sich die britischen Luftstreitkräfte, die Royal Air Force (RAF) nieder. Die 21. Army Group wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in „British Army on the Rhine“ (BAOR, Britische Rheinarmee) umbenannt und bildete mit den belgischen und niederländischen Offizieren ab 1952 den Stab der „Northern Army Group“ der NATO (NORTHAG, Heeresgruppe Nord).

Zeitgleich entstand in Bad Eilsen der Stab der „Second Allied Tactical Air Force“ (TWOATAF, 2. Alliierte Taktische Luftflotte). Hier vereinigte sich die RAF mit der belgischen und niederländischen Luftwaffe. Die beiden Heere waren für die Verteidigung des norddeutschen Gebiets vor potenziellen Angriffen aus der Sowjetunion verantwortlich. Außerdem wurden hier Einsatzpläne und Befehlsstrukturen durch Übungen überprüft und optimiert – ein wichtiger Beitrag zur NATO-Strategie der Abschreckung.

Angesichts des sich verschärfenden Kalten Krieges zwischen Ost und West gab es ab 1950 Pläne zur Gründung eines gemeinsamen Standorts für NORTHAF und TWOATAF in der britischen Besatzungszone. Anfang 1952 begann die Suche nach einem geeigneten Stützpunkt. Mönchengladbach bot einen großen strategischen Vorteil. Die Stadt befindet sich westlich des Rheins, welcher die Hauptverteidigungs­linie im Kriegsfall bildete. Außerdem bot das Areal in Rheindahlen viel Platz für die Entwicklung eines umfangreichen Hauptquartiers mit ausreichend Wohnraum und eigener Infrastruktur. Die bisherigen Hauptquartiere in Bad Oeynhausen und Bad Eilsen waren inmitten des zivilen Lebens der beiden Kurstädte errichtet worden und beeinträchtigten so die dortige Wirtschaft.

Grundsteinlegung zum Hauptgebäude des JHQ, dem sogenannten „Big House“ vor 60 Jahren, am 01. Juli 1953 (Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach)

Ein ehrgeiziger Zeitplan

Für den Bau des eigenen Stadtteils JHQ innerhalb eines knappen Jahres hatten sich die britischen Streitkräfte einen denkbar straffen Zeitplan auferlegt. Die Investitionen für das gesamte Gelände mit 2.000 Gebäuden, davon circa 1.400 Wohnungen, einem Wasserwerk, einem Einkaufszentrum, zahlreichen Sporteinrichtungen, Schulen, Kindergärten und Werkstätten beliefen sich auf über 200 Millionen DM.

Ein eigenes Heizkraftwerk, ein Wasserwerk und umfangreiche unterirdische technische Infrastruktur machten das Hauptquartier zu einer autarken „Stadt in der Stadt“. Insgesamt an die 1.000 Firmen waren am Bau des JHQ beteiligt, heißt es auf der Webseite der Stadt Mönchengladbach. Teilweise arbeiteten rund 6.000 Bauarbeiter und Handwerker gleichzeitig auf der „Baustelle“.

Einzug der britischen Soldaten

Am 1. Oktober 1954 war es dann soweit und die ersten Soldaten aus Bad Oeynhausen bezogen das neue Hauptquartier. Am 4. Oktober übernahmen die vier Hauptquartiere offiziell ihre Führungsaufgaben: Es waren die Stäbe der RAF Germany (RAFG) und der Britischen Rheinarmee (BAOR) sowie die NATO-Stäbe der NORTHAG und der TWOATAF. Die beiden Stäbe der NATO-Verbände setzten sich zunächst aus rund 800 Soldaten aus Großbritannien, Belgien und den Niederlanden zusammen. Später kamen amerikanische und deutsche Soldaten hinzu.

Im Jahre 1987 kam es zu einem tragischen Zwischenfall im Hauptquartier. Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) verübte einen Terroranschlag im JHQ. Eine Autobombe detonierte am späten Abend vor der Offiziersmesse. Es gab einige Verletzte, aber glücklicherweise keine Todesfälle. Als Folge des Anschlags wurden die bis dahin frei zugänglichen Zufahrtswege zum JHQ nunmehr bewacht – ein Zustand, der bis zur Aufgabe des Hauptquartiers anhielt.

Auf dem Bahnhof Möchengladbach Rheindalen kam 1954 der erste Zug mit britischen Soldaten an (Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach)

Die militärische Bedeutung des JHQ

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich unter den Alliierten zwei „Supermächte“ heraus: die USA und die UdSSR. Beide Supermächte versuchten ihren Einfluss weltweit auszuweiten, indem sie Wirtschafts- und Militärbündnisse schlossen. Der Warschauer Pakt kontrollierte unter Führung der Sowjetunion wesentliche Teile Osteuropas, die NATO umfasste Westeuropa und die USA.

Da im JHQ mit der NORTHAG und der TWOATAF zwei wichtige Stäbe der NATO ansässig waren und somit vom JHQ als der Schaltzentrale für die gesamte Verteidigung West- und Nordeuropas gesprochen wurde, wundert es nicht, dass das JHQ in Rheindahlen damals laut der Ausgabe des Blickpunkts Mönchengladbachs Nr. 18 das Erstschlagziel für sowjetische Atomraketen darstellte. Insgesamt wurden mehrere hunderttausend Soldaten von Rheindahlen aus befehligt. Damit war Mönchengladbach viele Jahre die bedeutendste Garnisonsstadt Deutschlands.

Das Ende des Hauptquartiers

Mit dem Mauerfall 1989 und dem Ende des Kalten Kriegs verlor das JHQ an Bedeutung. Von über 80.000 von Rheindahlen aus befehligten britischen Soldaten, blieben nur noch 22.500 in Deutschland. Zusammen mit Familienangehörigen waren es 49.000.

Am 28. Oktober 1994 wurde das JHQ der Britischen Rheinarmee außer Dienst gestellt. Am 1. April desselben Jahres nahm das Hauptquartier der Multinationalen Division (MND), bestehend aus Soldaten der Nationen Belgien, Niederlande, Großbritannien und Deutschland, seinen Dienst auf. Es wurde 2002 wieder geschlossen und der Stab Krisenreaktionskräfte (ALLIES Rapid Reaction Corps, ARRC) des multinationalen NATO-Korps wurde im Hauptquartier eingerichtet.

Im Jahre 2007 teilte das britische Verteidigungsministerium mit, dass das ARRC nach Innsworth (GBR) verlegt und das JHQ bis 2014 aufgegeben wird. Inzwischen ist das Hauptquartier von den britischen Truppen verlassen und an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zurückgegeben worden.